"Ein Fußballer wird er nicht", das hat mein Vater gleich gesehen. Aber da war ich erst 9 Jahre alt und hatte viel Spaß am Kicken. Außerdem waren beim SC Ettenstatt auch meine ganzen Freunde in der Mannschaft. In unserem mittelfränkischen 900-Seelen-Dorf haben einfach alle Kinder Fußball gespielt. So ist das eben. Doch mein Vater Frank, der früher selbst erfolgreich im Sattel saß, war sich sicher: "Mein Junge kann mehr." Hinter dieser Aussage verbarg sich die Sehnsucht, dass ich einmal in seine Fußstapfen trete. Ein Fahrrad war schnell geborgt, ein erstes Rennen noch schneller gefunden. Aber ich habe mich geweigert und es hat lange gedauert, bis ich überzeugt war und es versuchte. Am Ende war es ja auch nicht schlimm. Eigentlich überhaupt nicht schlimm. Als Sieger fühlt man sich immer toll. Ich habe mein erstes Rennen gleich gewonnen.
Von diesem Tag an war ich dem Radsport verfallen, infiziert mit dem Radsport-Virus. Deshalb brauchte es auch nicht allzu großer Motivation von außen, nun nahezu täglich unzählige Straßenkilometer abzuspulen, die mein Vater für mich in den Trainingsplan schrieb. Früh, mit 13 Jahren, stand für mich fest, dass ich Radprofi werden will. Aber der Weg war lang und ich musste zeitig lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Rückblickend sind es natürlich Lappalien. Zum Beispiel durfte ich einmal im jungen Jahrgang nicht so viel fahren wie die Älteren. Meine Tränen konnten auch meinen Vater nicht erweichen. Ich hätte es ihnen locker gezeigt - davon bin ich heute noch überzeugt. Noch viel schlimmer war aber, dass meine Mannschaftskollegen mit Unterschriften von Jan Ullrich, der damals mein großes Idol war, zurückkehrten. Die hatten ihn doch tatsächlich an diesem Tag, auf den paar Kilometern mehr noch getroffen. Tja, ich habe ihn nicht persönlich gesprochen. Geprägt hat er meine jungen Radsportjahre trotzdem.
Es mag vermessen klingen, doch inzwischen bin ich Profi und vielleicht für manch einen Nachwuchsfahrer auch Vorbild. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich fahre Radrennen, die ich früher am Fernsehen verfolgt habe. Auch gewonnen habe ich davon schon welche. Nach meinem ersten Profijahr in einem der erfolgreichsten Teams weltweit, will ich meine neue Mannschaft Argos-Shimano mit einem möglichst erfolgreichen Jahr auf den Weg nach oben unterstützen. Die harte Arbeit, die Entbehrungen und der Schweiß haben sich bis zum jetzigen Zeitpunkt gelohnt. Aber es soll nur eine Zwischenbilanz, sozusagen ein Etappenerfolg meiner Karriere sein. Mein Vater begleitet mich übrigens weiterhin: "John kann ein Radrennen einfach lesen, dazu muss man geboren sein. So gut wie er konnte ich das nicht", sagt er gerne und stolz zu anderen. Aber seine Tätigkeit als Trainer hat er schon vor einigen Jahren aufgegeben - er will live miterleben, was er vor Jahren auf den Weg gebracht hat. Er hat mich in den Sattel gesetzt.














